Single des Monats

Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat ausgerechnet im Internet eine Kontaktanzeige zu veröffentlichen. Dies war ohne Zweifel die Verzweiflungstat einer Frau, die kurz vor ihrem 30. Geburtstag stand und ihr Leben statt mit einem gut aussehenden, intelligenten, charmanten Mann mit zwei neurotischen Siamkatzen teilte. Aus irgendeinem Grund hatte ich auch noch die dämliche Idee, nicht nur meinen Anzeigentext veröffentlichen zu lassen, nein, ich schickte auch noch mein Foto hinterher. Hätte ich gewusst, was ich heute weiß, wäre mir sicher die eine oder andere peinliche Situation erspart geblieben. Von der Anmache eines Kassierers im Supermarkt und den Annäherungsversuchen meines Zahnarztes will ich gar nicht erst anfangen zu reden.

Naiv wie ich war, ging ich davon aus, dass mich auf dem Foto niemand erkennen würde. Immerhin hatte ich zur Sicherheit meinen Namen geändert.

Anfangs war es wirklich lustig. Mehrere Male am Tag flüsterte mir eine Stimme verführerisch ins Ohr: "Sie haben Post." Gemeinsam mit meiner Freundin sortierte ich täglich die Bewerber nach A-, B- und C-Kandidaten. Die D-Kandidaten wurden selbstverständlich sofort nach Eingang gelöscht. Schlimmer jedoch als die Kategorie-D-Kandidaten war allerdings die Tatsache, dass ich mir vor meiner ganzen "Single-sucht-Single-Aktion" nicht einen einzigen Satz der AOL-Nutzerbedingungen für die Single-Community durchgelesen hatte. Das war ganz eindeutig ein Fehler. Unter anderem stand da, wie man zum Single des Monats gekürt wird. Selbstverständlich hatte mich das nicht interessiert. Ich fragte mich also weniger, wie man dieses Ziel erreichen könne, sondern eher, wie blöde man doch sein müsse, sich freiwillig auf der AOL-Startseite als Oberloser und Ladenhüter zu outen.

Heute weiß ich, wie man Single des Monats wird. Dank meines Fotos, auf dem ich übrigens blendend aussah, gingen täglich dutzende von Mails auf meinem Inserentenkonto ein. Und ehe ich mich versah, wurde mir die Singel-Krone aufgesetzt. Plötzlich war ich "Single des Monats". Und da wird gar nicht lang gefackelt, schwups wurde ich, ohne gefragt zu werden, auf der Startseite des Internetportals, wie ein Stück Vieh feilgeboten. Auch wenn Witzigkeit sonst keine Grenzen kennt, zu diesem Zeitpunkt war Schluss mit lustig. Jeder verdammte deutsche AOL-Nutzer wusste nun, dass ich auf der Suche war. Ich, Bella Berlin. Sofort setzte ich alle erdenklichen Hebel in Bewegung, um diesen Eintrag löschen zu lassen. Leider waren die Möglichkeiten beschränkt, siehe Nutzerbedingungen. Aus technischen Gründen dauerte es ganze 24 Stunden, bis mein Bild von der AOL-Startseite verschwand. Und ich schwöre, dies waren die längsten 24 Stunden meines Dauersingledaseins.

Die Peinlichkeit gipfelte auch noch darin, dass sich irgendein hirnverbrannter Texter der AOL-Sippe eine Headline zu meinem Foto ausgedacht hatte, die zuständig war für den sekündlichen Eingang virtueller Loveletters. Da stand ich hätte Feuer im Hintern und das ich jemanden suche der mich zum Glühen brächte. Hätte ich diesen Schmierfinken in die Hände bekommen, hätte ich ihm auf jeden Fall ziemlich eingeheizt. Fürs Erste jedenfalls hatte ich nach dieser Internet-Anzeige die Schnauze voll vom Cyperspace – zumindest für die folgenden Tage.

25.2.08 00:00

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