Reine Nervensache

Der Flieger setzte zur Landung an. Für einen Moment zweifelte ich. Obwohl Minuten vergingen schien die Zeit still zu stehen. Für Sekunden ließen meine Bedenken die Motorengeräusche verstummen. War es mutig oder einfach besonders dämlich sich auf ein Date mit einem Fremden einzulassen. Was wusste ich schon von dem Mann, den ich nur aus dem Cyperspace kannte. Ein ganzes Wochenende war ich bereit mit Mister Proper zu verbringen.

Die Lichter der Landebahn rasten wie Blitze an mir vorbei, als ich hoffte, das diese nie Enden würde. Ob ich wollte oder nicht, der Pilot würde den Vogel in Kürze zum stehen bringen.

Das Flugzeug wurde langsamer und langsamer bis es endlich zum stehen kam. Als die Anschnallzeichen erloschen begannen die Passagiere sich hektisch aus ihren Sitzen zu schälen und ungeduldig in den Ablagefächern nach ihren Jacken und Taschen zu wühlen. Ich war da. Ich war tatsächlich da in München. In wenigen Minuten würde ich ihn zum ersten Mal sehen. Allmählich spürte ich, wie Stück für Stück eine überwältigende Aufregung besitz von mir und meiner Motorik ergriff. Ich klebte förmlich an meinem Stuhl. Wie hypnotisiert starrte ich auf die geöffnete Bordtür, vor der ein Stewart stand, dessen lächeln mehr und mehr zu einer Grimasse mutierte. Erst spät bemerkte ich, dass die anderen Passagiere das Flugzeug längst verlassen hatten. Mit zittrig, feuchten Händen versuchte ich, die Schnalle meines Gurtes zu lösen und mich langsam von meinem Platz zu erheben. Allerdings erst nachdem die Stewardess mich höflich aber bestimmt aufgefordert hatte, den Flieger zu verlassen. Meine Unruhe stieg mit jedem Schritt in Richtung Ausgang. Das Sandwich, welches ich mir vor dem Abflug im Eiltempo zwischen die Kiemen geschoben hatte suchte spürbar einen Weg nach draußen und ließ mich ziemlich blass aussehen. Die feuchten Ringe unter meinen Achseln verrieten längst, das in einer Situation wie dieser kein auf dem Markt erhältlicher Deodorant vierundzwanzig Stunden durchhalten würde.

Im Terminal stellten sich erneut Zweifel ein. Ich wusste wirklich fast nichts von Meister Proper, nicht einmal seinen richtigen Namen. Immerhin, ich wusste, dass er die letzten drei Jahre in Brasilien verbracht hatte. Ich zog sein Bild aus meiner Handtasche und betrachtete es. Mein Gott war ich froh zu sehen, dass das Bild mir noch immer einen charmanten, äußerst attraktiven jungen Mann zeigte.

Aber was um Himmels Willen war das im Hintergrund? Purpurrote Samtvorhänge! Ja, natürlich! Samtvorhänge bestickt mit funkelnden Strasssteinen! Vermutlich wurde dieses Bild in einem Nachtclub aufgenommen. Hatte er mir nicht geschrieben, die beiden Männer links und rechts auf dem Foto seien Geschäftspartner. Aber was, verdammt noch mal, macht dieser Kerl mit seinen Geschäftspartnern in einem Nachtclub mit purpurroten Samtvorhängen? Oder war es doch ein Puff?

Plötzlich schien mir klar zu werden, warum er sich nicht in, sonder vor der Abfertigungshalle mit mir treffen wollte. Niemand würde merken wie ich mir nichts dir nichts verschwinde. Selbstverständlich hatte ich niemandem von meinem Blind Date in München erzählt, nicht mal meiner besten Freundin. Wirklich, ein geschickter Plan. Mein Herz legte ein neues Tempo ein und schien mit zehnfacher Geschwindigkeit zu schlagen. Das Blut schoss durch meine Adern und irgendwie war ich mir nicht mehr sicher, wie lange mein Organismus mit ausreichend Sauerstoff versorgt werden würde. Ich war jetzt nur noch wenige Meter vom Treffpunkt entfernt. Meine Knie fingen immer heftiger an zu zittern. Es waren nur noch ein paar Schritte bis zur Tür, die mich nach draußen bringen sollte, als ich eine schwere, kräftige Hand auf meiner Schulter. Ich erstarrte. Noch während ich darüber nachdachte mich umzudrehen, wurde es um mich herum dunkel.

Als ich im Krankenhaus wieder zu mir kam saß ein etwas schüchterner junger Mann neben mir, der etwas verlegen meine Hand tätschelte. Auf meinem Nachtisch standen wunderschöne Rosen. Sogar etwas zum Lesen hatte er mir mitgebracht. Es war ein Reiseführer über Brasilien. Er hatte ihn selbst geschrieben.

25.2.08 00:39, kommentieren

Single des Monats

Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat ausgerechnet im Internet eine Kontaktanzeige zu veröffentlichen. Dies war ohne Zweifel die Verzweiflungstat einer Frau, die kurz vor ihrem 30. Geburtstag stand und ihr Leben statt mit einem gut aussehenden, intelligenten, charmanten Mann mit zwei neurotischen Siamkatzen teilte. Aus irgendeinem Grund hatte ich auch noch die dämliche Idee, nicht nur meinen Anzeigentext veröffentlichen zu lassen, nein, ich schickte auch noch mein Foto hinterher. Hätte ich gewusst, was ich heute weiß, wäre mir sicher die eine oder andere peinliche Situation erspart geblieben. Von der Anmache eines Kassierers im Supermarkt und den Annäherungsversuchen meines Zahnarztes will ich gar nicht erst anfangen zu reden.

Naiv wie ich war, ging ich davon aus, dass mich auf dem Foto niemand erkennen würde. Immerhin hatte ich zur Sicherheit meinen Namen geändert.

Anfangs war es wirklich lustig. Mehrere Male am Tag flüsterte mir eine Stimme verführerisch ins Ohr: "Sie haben Post." Gemeinsam mit meiner Freundin sortierte ich täglich die Bewerber nach A-, B- und C-Kandidaten. Die D-Kandidaten wurden selbstverständlich sofort nach Eingang gelöscht. Schlimmer jedoch als die Kategorie-D-Kandidaten war allerdings die Tatsache, dass ich mir vor meiner ganzen "Single-sucht-Single-Aktion" nicht einen einzigen Satz der AOL-Nutzerbedingungen für die Single-Community durchgelesen hatte. Das war ganz eindeutig ein Fehler. Unter anderem stand da, wie man zum Single des Monats gekürt wird. Selbstverständlich hatte mich das nicht interessiert. Ich fragte mich also weniger, wie man dieses Ziel erreichen könne, sondern eher, wie blöde man doch sein müsse, sich freiwillig auf der AOL-Startseite als Oberloser und Ladenhüter zu outen.

Heute weiß ich, wie man Single des Monats wird. Dank meines Fotos, auf dem ich übrigens blendend aussah, gingen täglich dutzende von Mails auf meinem Inserentenkonto ein. Und ehe ich mich versah, wurde mir die Singel-Krone aufgesetzt. Plötzlich war ich "Single des Monats". Und da wird gar nicht lang gefackelt, schwups wurde ich, ohne gefragt zu werden, auf der Startseite des Internetportals, wie ein Stück Vieh feilgeboten. Auch wenn Witzigkeit sonst keine Grenzen kennt, zu diesem Zeitpunkt war Schluss mit lustig. Jeder verdammte deutsche AOL-Nutzer wusste nun, dass ich auf der Suche war. Ich, Bella Berlin. Sofort setzte ich alle erdenklichen Hebel in Bewegung, um diesen Eintrag löschen zu lassen. Leider waren die Möglichkeiten beschränkt, siehe Nutzerbedingungen. Aus technischen Gründen dauerte es ganze 24 Stunden, bis mein Bild von der AOL-Startseite verschwand. Und ich schwöre, dies waren die längsten 24 Stunden meines Dauersingledaseins.

Die Peinlichkeit gipfelte auch noch darin, dass sich irgendein hirnverbrannter Texter der AOL-Sippe eine Headline zu meinem Foto ausgedacht hatte, die zuständig war für den sekündlichen Eingang virtueller Loveletters. Da stand ich hätte Feuer im Hintern und das ich jemanden suche der mich zum Glühen brächte. Hätte ich diesen Schmierfinken in die Hände bekommen, hätte ich ihm auf jeden Fall ziemlich eingeheizt. Fürs Erste jedenfalls hatte ich nach dieser Internet-Anzeige die Schnauze voll vom Cyperspace – zumindest für die folgenden Tage.

1 Kommentar 25.2.08 00:00, kommentieren